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01. Juni 2026 · 8 Min. Lesezeit

Was sind biodynamische Präparate? Erklärung, Herstellung, Wirkung, Kritik

Biodynamische Präparate sind neun nach Rudolf Steiner hergestellte Substanzen (500–508), die in kleinsten Mengen Boden, Kompost und Pflanze beleben. Was sie sind, wie sie hergestellt und angewendet werden, was die Forschung zeigt — und wo die Kritik berechtigt ist.

Biodynamische Präparate sind eine Reihe von neun Substanzen, die nach Rudolf Steiners Rezepturen aus mineralischen, pflanzlichen und tierischen Ausgangsstoffen hergestellt und in sehr kleinen, stark verdünnten Mengen auf Boden, Kompost und Pflanze ausgebracht werden. Sie sind das Herzstück der biodynamischen Landwirtschaft und das eine Merkmal, das sie von jeder anderen Anbauform unterscheidet. Für Demeter-Betriebe ist ihre Anwendung verbindlich vorgeschrieben. Dieser Beitrag erklärt, was die Präparate sind, wie sie hergestellt und angewendet werden, was die Forschung dazu sagt — und wo die Kritik an ihnen ihren berechtigten Kern hat.

Präparate düngen nicht — sie beleben

Der häufigste Irrtum ist, die Präparate für eine Art Dünger zu halten. Das sind sie nicht. Sie liefern keine nennenswerten Nährstoffmengen: Für einen ganzen Hektar genügen wenige hundert Gramm Hornmist oder gar nur einige Gramm Hornkiesel. Eine solche Menge kann eine Pflanze nicht ernähren.

Ihre Aufgabe ist eine andere. Die Präparate sollen Prozesse lenken und ordnen — den Boden beleben, die Rotte des Komposts steuern, Wachstum und Reife der Pflanze führen. Steiner verstand gutes Düngen nicht als Zufuhr von Stoff, sondern als „Verlebendigung der Erde": Der Boden soll lebendig werden, damit die Wurzel nicht in tote Erde greift. Die Präparate stoßen diese Lebendigkeit an; den eigentlichen Nährstoffkreislauf trägt weiterhin die Kompost- und Mistwirtschaft des Hoforganismus. Steiner nannte die Präparate folgerichtig eine „Extradüngung", welche die übliche Düngung „wesentlich erhöht" — nicht ersetzt.

Weil sie in so kleinen Mengen wirken, wird ihre Anwendung oft mit der Homöopathie verglichen. Der Vergleich trifft den Punkt der winzigen Dosis, sollte aber nicht als erklärtes Wirkprinzip missverstanden werden: Wie genau eine so kleine Menge Wirkung entfaltet, ist gerade die offene Frage — dazu weiter unten mehr.

Acht beziehungsweise neun — der Kanon 500 bis 508

Der Präparate-Kanon umfasst neun Nummern, die sich in drei Gruppen ordnen lassen.

Die beiden Feldspritzpräparate werden in Wasser gerührt und gespritzt. Hornmist 500 (500), aus Kuhmist im Kuhhorn, wirkt über Boden und Wurzel und wird abends auf den Boden gebracht. Hornkiesel 501 (501), aus feinst gemahlenem Quarz im Kuhhorn, wirkt über Licht und Reife und wird morgens auf die Pflanze gesprüht. Steiner beschrieb sie als Gegenpaar: Der eine „stößt von unten herauf", der andere „zieht von oben".

Die sechs Kompostpräparate (502–507) kommen nicht aufs Feld, sondern in Kompost und Wirtschaftsdünger, wo sie die Rotte steuern: Schafgarbe (502), Kamille (503), Brennnessel (504), Eichenrinde (505), Löwenzahn (506) und Baldrian (507). Sie wirken als Ensemble und werden in der Regel gemeinsam eingesetzt.

Hinzu kommt der Ackerschachtelhalm (508), der als Tee oder Brühe gegen Pilzdruck gespritzt wird. Er nimmt eine Sonderstellung ein und ist im engeren Sinn kein Präparat, sondern ein Pflegemittel — daher spricht die Tradition von „acht beziehungsweise neun" Präparaten.

Schon Ehrenfried Pfeiffer beschrieb 1938 die Arbeitsteilung: Hornmist (500) fördere das Wurzelwachstum, Hornkiesel (501) die Assimilationsfähigkeit, die Kompostpräparate (502–507) kräftigten die Pflanzen im Wuchs, wobei die Brennnessel (504) besonders auf die Geschmacksqualität wirke. Es ist dieses Zusammenspiel, nicht das einzelne Präparat, das den Betrieb „in Schwung" bringen soll.

Wie werden die Präparate hergestellt?

Die Herstellung folgt für jedes Präparat einer festen Rezeptur, in deren Mittelpunkt eine tierische oder pflanzliche Hülle und eine bestimmte Jahreszeit stehen. Beim Hornmist wird Kuhmist in ein Kuhhorn gefüllt und über den Winter im Boden vergraben; beim Hornkiesel kommt gemahlener Quarz ins Horn und über den Sommer in die Erde. Die festen Kompostpräparate werden in ihre jeweilige Hülle gefüllt — die Schafgarbe in eine Hirschblase, die Kamille in Rinderdarm, die Eichenrinde in einen Haustierschädel, der Löwenzahn in Rindergekröse — und ebenfalls über eine Jahreszeit dem Boden anvertraut. Die Brennnessel reift ohne Hülle, allein von Erde umgeben, ein ganzes Jahr; der Baldrian wird als vergorener Blütensaft angesetzt.

Die ausführliche, bis heute maßgebliche Herstellungspraxis haben nicht Steiner selbst, sondern spätere Autoren ausgearbeitet, allen voran Eckard von Wistinghausen, Pierre Masson und Walter Stappung. Wer selbst herstellen will, findet die Detailrezepturen in den jeweiligen Präparate-Porträts und in dieser Fachliteratur — sie hier vollständig auszubreiten würde den Rahmen sprengen und das Urheberrecht der Werke berühren.

Anwendung und Demeter-Pflicht

Vor dem Ausbringen werden die Feldspritzpräparate eine Stunde lang rhythmisch in Wasser gerührt — das Dynamisieren. Dabei wird ein Wirbel erzeugt, abrupt umgekehrt und ins Chaos gebracht, immer wieder, bis sich der Kräftegehalt des Präparats auf das Wasser überträgt. Danach wird zügig gespritzt, denn die Wirkung des gerührten Präparats lässt nach etwa einem Tag nach. Die Kompostpräparate werden als kleine Klümpchen in Bohrlöcher des Komposthaufens gesteckt, der flüssige Baldrian darüber gegossen; eine Serie reicht für rund zehn Kubikmeter Dünger.

Für Demeter-Betriebe ist das keine Kür. Hornmist muss mindestens einmal jährlich auf allen Flächen ausgebracht werden, Hornkiesel kulturartgerecht, und die Kompostpräparate gehören in alle organischen Wirtschaftsdünger. Genau diese verbindliche Präparatearbeit unterscheidet Demeter von allen anderen Bio-Verbänden — bei Bioland, Naturland oder EU-Bio gibt es nichts Vergleichbares.

Herkunft: der Landwirtschaftliche Kurs von 1924

Alle Präparate gehen auf Rudolf Steiner und seinen Landwirtschaftlichen Kurs (GA 327) zurück, den er 1924 in Koberwitz vor Landwirten hielt. Steiner gab dort die Rezepturen und ihre Begründung, verstand sie aber ausdrücklich als Anregung zur eigenen Forschung, nicht als starres Rezept. Die Präparate sind damit Teil eines größeren Gedankens: den landwirtschaftlichen Betrieb als möglichst geschlossenen, lebendigen Organismus zu führen, der sich weitgehend selbst trägt. Die ersten Präparate wurden noch zu Steiners Lebzeiten hergestellt; seither hat sich die Methode über die ganze Welt verbreitet.

Wie wirken die Präparate? Was die Forschung zeigt

Hier ist Ehrlichkeit angebracht, und sie verlangt eine Unterscheidung zwischen zwei Ebenen.

Das biodynamische Anbausystem als Ganzes — geschlossener Kreislauf, Kompostwirtschaft, Verzicht auf Synthetisches — ist gut untersucht. Der wichtigste Beleg ist der DOK-Langzeitversuch des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), der seit 1978 im schweizerischen Therwil biodynamische, bio-organische und konventionelle Bewirtschaftung auf demselben Feld vergleicht. Das biodynamische System schneidet bei Bodenfruchtbarkeit am besten ab: Die Bioböden zeigen rund 16 Prozent höhere Humusgehalte und eine bis zu 83 Prozent höhere Aktivität der Bodenorganismen als die konventionellen — bei einem moderaten Ertragsabstand und deutlich geringerem Betriebsmitteleinsatz. Dass ein lebendiger Kreislauf mit guter Kompostwirtschaft den Boden fördert, ist also messbar, nicht bloß Überzeugung.

Schwieriger wird es bei der isolierten Wirkung des einzelnen Präparats in seiner starken Verdünnung. Hier gibt es Hinweise, aber keine geschlossene Beweiskette. Eine 2024 in ISME Communications veröffentlichte Untersuchung der Arbeitsgruppe um Jürgen Fritz (Universität Kassel, 254 Bodenproben aus Deutschland und Frankreich) berichtet, dass biodynamisch bewirtschaftete Böden mehr vermutlich wachstumsfördernde Mikroorganismen enthalten als nur ökologisch bewirtschaftete; die Forschenden deuten die Präparate als mikrobielle „Impfung". Wichtig zur Einordnung: Das ist ein Vergleich biodynamisch gegen öko und eine rechnerisch vorhergesagte, nicht am Ertrag gemessene Funktion — von einem lokalen Mikrobiom-Befund auf flächige Bodenfruchtbarkeit zu schließen, ist nicht gedeckt, und die Effekte schwanken von Jahr zu Jahr (mehr in Die Fritz-Studie zum Boden-Mikrobiom). Einzelne ältere Feldstudien berichten zudem von positiven Effekten an Kürbis, Kartoffel oder Burgunder Weinbergsböden — klein, heterogen und nicht durchgängig reproduzierbar.

Der Forscher Hartmut Spiess fasst die Präparatewirkung deshalb als „Systemregulierung": ausgleichend, schwer an einem einzelnen Messwert festzumachen und stark von Standort, Witterung und Betriebsführung abhängig. Eine ältere Forschungsübersicht (Brock und andere, 2019) bestätigt dieses Bild — viel Forschungsaktivität, einzelne belastbare Befunde zum System, aber kein einfacher Wirknachweis fürs einzelne Präparat.

Die Kritik — und ihr berechtigter Kern

Kritiker bezeichnen die Biodynamik wegen ihrer anthroposophischen Grundlage als esoterisch. Das ist insofern zutreffend, als zentrale Begründungen tatsächlich aus Steiners Geisteswissenschaft stammen und nicht aus empirischer Forschung: die Rede von „kosmischen Kräften", die Rolle von Kuhhorn und Hirschblase, die Wirkung bestimmter Konstellationen — all das lässt sich naturwissenschaftlich nicht herleiten. Wer das ausblendet, macht es sich zu leicht.

Umgekehrt wäre es ebenso unredlich, daraus zu schließen, das ganze System sei wirkungslos. Die Systemvorteile bei Bodenfruchtbarkeit und Humus sind belegt, und auch zur Mikrobiom-Wirkung der Spritzpräparate gibt es inzwischen ernstzunehmende, wenn auch schwankende Befunde. Ein ehrlicher Umgang trennt deshalb das Belegbare vom Weltanschaulichen, statt pauschal zu verurteilen oder zu überhöhen. Was sich belegen lässt, lässt sich belegen; was biodynamische Tradition oder Steiner'sches Konzept ist, sollte als solches benannt werden. Heils- oder Wunderversprechen werden den Präparaten nicht gerecht — und sind auch gar nicht nötig.

Häufige Fragen

Wie viele biodynamische Präparate gibt es?

Neun, nummeriert von 500 bis 508: zwei Feldspritzpräparate (Hornmist 500, Hornkiesel 501), sechs Kompostpräparate (502–507) und der Ackerschachtelhalm (508), der eine Sonderrolle einnimmt.

Sind biodynamische Präparate dasselbe wie Homöopathie?

Nein. Sie werden in sehr kleinen Mengen ausgebracht, was den Vergleich nahelegt, folgen aber nicht der homöopathischen Lehre. Der Vergleich beschreibt die geringe Dosis, nicht ein nachgewiesenes Wirkprinzip.

Ersetzen die Präparate den Dünger?

Nein. Steiner nannte sie eine „Extradüngung", die die normale Düngung mit Mist und Kompost ergänzt und belebt, aber nicht ersetzt. Den Nährstoffkreislauf trägt weiterhin die Wirtschaftsdüngung.

Sind die Präparate bei Demeter Pflicht?

Ja. Ihre Herstellung und Anwendung ist verbindliche biodynamische Kulturtechnik und für jeden Demeter-Betrieb vorgeschrieben. Das ist der entscheidende Unterschied zu anderen Bio-Verbänden.

Wirken die Präparate wirklich?

Für das biodynamische System als Ganzes gibt es gute Belege für höhere Bodenfruchtbarkeit und Humusgehalte. Die spezifische Wirkung des einzelnen Präparats in starker Verdünnung ist dagegen nicht abschließend nachgewiesen — es gibt Hinweise, aber keinen geschlossenen Beweis.

Fazit

Biodynamische Präparate sind kein Dünger und kein Wundermittel, sondern Werkzeuge, die Boden, Kompost und Pflanze beleben und ordnen sollen — und für jeden Demeter-Betrieb verbindlich sind. Ihr Wert zeigt sich im Zusammenspiel und auf der Ebene des ganzen Systems, dessen Vorteile für die Bodenfruchtbarkeit belegt sind. Wer tiefer einsteigen will, findet zu jedem einzelnen Präparat ein eigenes Porträt mit Herstellung und Anwendung.

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