Was ist Hornmist (Präparat 500)?
Hornmist, in der biodynamischen Praxis als Präparat 500 geführt, ist eines der beiden Feldspritzpräparate und das wichtigste Bodenpräparat der biodynamischen Landwirtschaft. Ausgangsstoff ist frischer Kuhmist, der in ein Kuhhorn gefüllt und über den Winter im Boden vergraben wird. Während dieser Monate wandelt sich der Mist in eine dunkle, erdig-humose und nahezu geruchsfreie Masse um. Vor der Anwendung wird eine kleine Menge davon in Wasser eine Stunde lang rhythmisch gerührt und anschließend auf den Boden gespritzt.
Hornmist und Hornkiesel: zwei Gegenpole
Hornmist wirkt nach biodynamischem Verständnis von unten: auf Erde, Wurzel und Humusbildung. Damit bildet das Präparat den Gegenpol zu Hornkiesel 501, das von oben auf Licht-, Reife- und Blühprozesse zielt. Die beiden Spritzpräparate gehören zusammen und ergänzen einander zu einem Gleichgewicht aus Wurzelraum und Lichtraum. Wer biodynamisch arbeitet, setzt sie in der Regel im Verlauf der Saison nacheinander ein.
Warum heißt es Präparat 500?
Die Nummerierung der biodynamischen Präparate von 500 bis 508 stammt aus dem Jahr 1928 und war anfangs als Deckname gedacht. Inzwischen hat sie sich eingebürgert und dient der schnellen, auch internationalen Verständigung. Wer von „500" spricht, meint Hornmist.
Herkunft: Rudolf Steiner und der Landwirtschaftliche Kurs
Hornmist geht auf Rudolf Steiner zurück, der die biodynamische Methode 1924 im sogenannten Landwirtschaftlichen Kurs in Koberwitz begründete (herausgegeben als GA 327). Im Vierten Vortrag beschreibt Steiner die Herstellung des Präparats aus Mist und Kuhhorn sowie seine Anwendung auf dem Feld.
Die Idee hinter dem Kuhhorn
Der gedankliche Hintergrund liegt in Steiners Bild vom Verdauungsvorgang der Kuh. Der Wiederkäuer verarbeite mit seinem langen Verdauungstrakt große Mengen und setze dabei Kräfte frei, die das Tier nicht selbst benötige. Das Horn fasste Steiner als ein Organ auf, das diese Kräfte zurückhält und in den Körper zurückstrahlt: „In diesem Stoffwechsel werden Kräfte frei, die durch die Hörner und Klauen zurückgehalten und dem Körperaufbau wieder zugeführt werden" (Landwirtschaftlicher Kurs). Wird der Mist ins Horn gefüllt und über Winter vergraben, so sollen diese Kräfte verstärkt und im Dung gesammelt werden.
Diese Begründung entstammt Steiners anthroposophischem Weltbild und seiner Vorstellung kosmischer und irdischer Kräfte. Sie wird hier als das referiert, was sie ist: das Ursprungskonzept der Methode, nicht als belegte Naturwissenschaft. Die spätere biodynamische Fachliteratur, etwa bei Eckard von Wistinghausen, Pierre Masson und Walter Stappung, hat die Herstellungs- und Anwendungspraxis ausgearbeitet und standardisiert.
Hornmist herstellen
Die Herstellung von Präparat 500 folgt einem festen Jahresrhythmus und stellt klare Anforderungen an Material und Boden.
Das richtige Kuhhorn und der richtige Mist
Verwendet werden wohlgeformte, unbeschädigte Hörner von Kühen, die mehrfach gekalbt haben — erkennbar an den „Kälberringen" am Hornansatz. Hörner von Bullen und Ochsen sind ungeeignet. Der Mist sollte von tragenden Kühen stammen, fest geformt und strohlos sein. Gute Ergebnisse liefert Weide- oder Kleegrasfütterung, während Silage- oder Rübenblattfütterung als ungeeignet gilt.
Vergraben über Winter
In Mitteleuropa werden die Kuhfladen im Herbst um Michaeli (Ende September) frisch gesammelt und in die Hörner gefüllt, bis der Hohlraum vollständig ausgefüllt ist. Die gefüllten Hörner kommen rund 30 bis 50 Zentimeter tief in tiefgründigen, humosen Boden, mit der Öffnung nach unten, damit kein Stauwasser eindringt. Dort bleiben sie über Winter. Zur Frühjahrsbestellung, etwa um Ostern, werden sie ausgegraben und der fertige Hornmist herausgelöst.
Die ausführliche Herstellung mit allen Details zu Bodenwahl, Grubenanlage und Lagerung beschreibt Wistinghausen in „Herstellung der Feldspritz- und Düngerpräparate", sehr detailliert auch Walter Stappung. Wer selbst herstellt, sollte auf diese Werke zurückgreifen.
Hornmist anwenden
Bei der Anwendung von Hornmist entscheiden Zeitpunkt, Rührvorgang und Dosierung über das Ergebnis.
Wirkung auf Boden und Wurzel
Hornmist wirkt nach biodynamischer Praxis in erster Linie über Boden und Wurzelsystem, unterstützt aber auch das Wachstum über den Blattbereich. Ihm wird zugeschrieben, die Lebenskräfte in Boden und Pflanze zu fördern, die Wurzelbildung anzuregen und den Humusaufbau zu unterstützen.
Wann und wie wird Hornmist gespritzt?
Gespritzt wird am Abend und auf den Boden — anders als Hornkiesel, das morgens in die Atmosphäre ausgebracht wird. Die Hauptzeitpunkte sind Frühjahr und Herbst, also wenn die Erde nach biodynamischem Bild „ausatmet" beziehungsweise „einatmet". Typische Anlässe sind die Bodenvorbereitung vor Saat und Pflanzung, frisch abgemähte oder abgeweidete Flächen sowie anhaltende Trockenheit. Pflanzgut lässt sich vor dem Setzen kurz mit der Wurzel in das gerührte Präparat tauchen, um die Wurzelbildung zu fördern.
Das Rühren (Dynamisieren)
Vor dem Ausbringen wird das Präparat eine Stunde lang rhythmisch in Wasser gerührt: Man erzeugt einen Strudel, bricht ihn ins Chaos und kehrt die Drehrichtung um — über die volle Stunde. Anschließend wird zügig ausgebracht, da die Wirkung des gerührten Präparats nach etwa einem Tag nachlässt. Dieser Schritt heißt auch Dynamisieren. Die Präparatekiste führt Rührfässer und Zubehör dafür.
Dosierung und Aufwandmenge
Die Aufwandmengen liegen in der Größenordnung von wenigen hundert Gramm Hornmist je Hektar und Spritzung, in Wasser gelöst. Für den Hausgarten nannte bereits Steiner ein praktisches Maß: etwa ein halber Eimer Wasser mit dem Inhalt eines Kuhhorns für eine überschaubare Gemüsefläche. Genaue Mengen und Wassermengen variieren je nach Quelle, Fläche und Betrieb — hier lohnt der Blick in Wistinghausen oder Masson.
Hornmist und Demeter
Für Demeter-Betriebe ist Hornmist nicht optional: Die Anwendung der biodynamischen Präparate ist Pflichtbestandteil der Demeter-Zertifizierung und unterscheidet Demeter von anderen Bio-Verbänden. Für Hobby-Biodynamiker:innen ist sie freiwillig, gilt aber als Herzstück der Methode.
Wirkung: Was sagt die Wissenschaft?
Die wissenschaftliche Studienlage zur isolierten Wirkung einzelner Präparate ist begrenzt und wird kontrovers diskutiert — der biodynamische Wirkungsbegriff lässt sich mit den üblichen Methoden nur schwer prüfen. Für das biodynamische Anbausystem als Ganzes liegen dagegen belastbare Daten vor: Der DOK-Langzeitversuch des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), seit 1978 im schweizerischen Therwil, vergleicht biodynamische, bio-organische und konventionelle Bewirtschaftung und weist für das biodynamische System eine hohe Bodenfruchtbarkeit aus — mit höheren Humusgehalten und einer deutlich gesteigerten Aktivität der Bodenorganismen. Die isolierte Wirkung des einzelnen Präparats bleibt davon unberührt schwer nachzuweisen. Heils- oder Wunderversprechen sind dem Präparat nicht angemessen.
Häufige Fragen zu Hornmist 500
Was ist der Unterschied zwischen Hornmist und Hornkiesel?
Hornmist (500) ist ein Bodenpräparat aus Kuhmist und wirkt über Erde und Wurzel; es wird abends auf den Boden gespritzt. Hornkiesel (501) entsteht aus Quarzmehl, zielt auf Licht- und Reifeprozesse und wird morgens in die Atmosphäre ausgebracht. Die beiden sind Gegenpole und ergänzen sich.
Wann wird Hornmist ausgebracht?
Am Abend und auf den Boden, schwerpunktmäßig im Frühjahr und Herbst — vor Saat und Pflanzung, auf frisch gemähten oder abgeweideten Flächen und bei anhaltender Trockenheit.
Wie lange wird Hornmist gerührt?
Eine Stunde lang, rhythmisch: Strudel erzeugen, ins Chaos brechen, Drehrichtung umkehren. Danach sollte das Präparat zügig ausgebracht werden, da die Wirkung nach etwa einem Tag nachlässt.
Ist Hornmist bei Demeter Pflicht?
Ja. Für zertifizierte Demeter-Betriebe ist die Anwendung der biodynamischen Präparate verpflichtend. Für Hobbygärtner:innen ist sie freiwillig.
Verwandte Begriffe
- Hornkiesel 501
- Kompostpräparate
- Biodynamische Präparate
- Das Rühren
- Demeter
- Rudolf Steiner
- Landwirtschaftlicher Kurs
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