Pierre Masson hat in seinem Standardwerk Landwirtschaft, Garten- und Weinbau biodynamisch eine Reihe von kompakten Merksätzen formuliert, die in der biodynamischen Praxis robuste Orientierung geben. Sie ersetzen weder die Lehre noch die eigene Erfahrung, fassen aber zusammen, was sich auf vielen Höfen über Jahre bewährt hat. Zehn davon haben sich als besonders nützlich erwiesen, weil sie die häufigsten Anwendungsfehler abdecken.
1. Hornmist am Morgen, bei feuchtem Boden
Hornmist 500 wird am frühen Morgen vor Sonnenaufgang oder in der Dämmerung ausgebracht — und idealerweise auf bereits feuchtem Boden. Die kühle, feuchte Atmosphäre trägt das Präparat in die Wachstumsschicht, die noch ruhige Pflanzenphysiologie nimmt es auf. Quelle: Masson, S. 25.
2. Hornkiesel am Morgen, bei sonniger Witterung
Hornkiesel 501 braucht das Licht. Ausbringung morgens in den ersten Sonnenstunden, bei aufgehender Witterung, an klaren Tagen. Bei bedecktem Himmel verschiebt sich die Anwendung um einen oder zwei Tage. Quelle: Masson, S. 32.
3. Mindestens Frühjahr und Herbst — Hornmist als Pflicht
Auf dem Hof ist die Faustregel: zweimal jährlich Hornmist als Minimum — im Frühjahr nach der Bodenbearbeitung und im Herbst zur Bodenruhe. Im Gemüsegarten oder bei intensiveren Kulturen ist mehr oft besser. Quelle: Masson, S. 27.
4. Eine Stunde rühren — nicht weniger
Die einstündige Rührzeit ist nicht verhandelbar. Wer kürzer rührt, verliert die Wirbel-Chaos-Wirbel-Dynamik, in der nach biodynamischer Auffassung die Wirkung entsteht. Eine Stunde, in beide Drehrichtungen wechselnd, bis ein klarer Trichter steht. Siehe Dynamisieren.
5. Wasser bester Qualität
Regenwasser ist Standard, sauberes Brunnenwasser eine Alternative. Chloriertes Leitungswasser ist ungeeignet — wenn es nicht anders geht, mindestens 24 Stunden abstehen lassen oder belüften.
6. Besser mehrmals klein als einmal viel
Diese Faustregel gilt für alle Präparate: Eine Anwendung mit doppelter Dosis ersetzt nicht zwei Anwendungen mit Standarddosis. Die biodynamische Wirkung setzt auf wiederholten, leichten Impuls. Quelle: Walter Stappung, duengerpraeparate.ch.
7. Sofort nach dem Rühren ausbringen
Eine fertig gerührte Präparate-Charge sollte innerhalb von zwei bis drei Stunden ausgebracht werden. Längeres Stehen lässt die Dynamisierung verblassen — am nächsten Tag ist die Charge nicht mehr brauchbar. Quelle: Wistinghausen, Anwendung, sinngemäß.
8. Kompostpräparate in den Hofkompost, nicht aufs Feld
Die sechs Kompostpräparate 502 bis 507 gehören in den Hofkompost, nicht direkt auf die Fläche. Sie wirken über den fertig gereiften Kompost — als „Sammeleinheit" auf dem Feld, nicht als Einzelimpulse. Siehe Kompostpräparate.
9. Witterungssensibilität — bei Sturm und Hitze warten
Nach Hagel, Sturm oder mehrtägiger Hitze ist eine Hornkiesel-Anwendung sinnvoll, um den Bestand zu stabilisieren. Vor angekündigter starker Witterung warten — Hornmist auf nassen, durchweichten Boden ist ineffektiv. Quelle: Masson, S. 202 (zu Hornkiesel nach Hagel).
10. Disziplin schlägt Detail
Wer einmal eine Dosierung gefunden hat, die für den eigenen Hof funktioniert, sollte sie über die Jahre konstant halten. Konstanz im Vorgehen erlaubt es überhaupt erst, Wirkungen zuzuordnen. Wechselnde Verfahren über die Jahre lassen sich nicht auswerten — auch wenn jede Einzelvariante besser klingt als die andere.
Was diese Faustregeln nicht ersetzen
Faustregeln sind komprimiertes Praxiswissen, kein Lehrbuch. Sie helfen, in der Saison nicht ständig nachschlagen zu müssen, ersetzen aber nicht die Lektüre der Standardwerke — Wistinghausen (Anwendung, Herstellung), Masson und die Demeter-Richtlinie. Wer mit der biodynamischen Praxis beginnt, sollte mindestens eines davon einmal vollständig gelesen haben.
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