Wer auf dem Hof eine neue Sache anschiebt — einen Hofkurs, eine Direktvermarktung, eine Präparatestelle, ein Bildungsangebot — kennt das wiederkehrende Gefühl: Es fehlt an allem. Geld, Zeit, Personal, Klarheit, ein Plan. Genau für diese Situation gibt es eine Logik, die seit zwei Jahrzehnten in der unternehmerischen Forschung erprobt ist: Effectuation.
Die amerikanische Forscherin Saras D. Sarasvathy hat in ihrem Standardwerk Effectuation. Elements of Entrepreneurial Expertise (Edward Elgar, 2008) untersucht, wie erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer tatsächlich vorgehen, wenn sie etwas Neues aufbauen — nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Ihr Befund: Sie folgen einer eigenen Logik, die mit klassischer Planungs-BWL wenig zu tun hat. Diese Logik lässt sich auf fünf Prinzipien herunterbrechen. Sie passen erstaunlich gut auf biodynamische Hofbetriebe.
Eine Vorbemerkung: Bevor die fünf Werkzeuge zum Einsatz kommen, lohnt ein Schritt davor.
Vor den Werkzeugen: Warum und Wofür
Wer in Bewegung kommen will, sollte zwei Fragen klären — nicht ausführlich, nicht akademisch, aber klar:
- Warum? Was ist der Anlass, etwas in Bewegung zu setzen? Welches Gefühl, welche Beobachtung, welcher Engpass treibt das Vorhaben? Diese Frage zielt auf den eigenen Hunger, nicht auf das Marketing.
- Wofür? Was würde der Welt — oder der Region, dem Hof, dem Demeter-Umfeld — fehlen, wenn es das Vorhaben nicht gäbe? Diese Frage zielt nicht auf ein erreichbares Ziel, sondern auf einen Navigationsstern. Ein Navigationsstern wird nicht erreicht; er gibt die Richtung.
Wer beide Fragen für sich beantworten kann, hat eine erste Orientierung. Die fünf Werkzeuge folgen dann fast von selbst.
1. Mittelanalyse — der Spatz in der Hand
Das erste Prinzip heißt im englischen Original Bird-in-Hand. Es geht um die nüchterne Bestandsaufnahme der eigenen Mittel. Nicht der Mittel, die man sich wünschen würde — sondern derer, die tatsächlich vorhanden sind.
Fünf Fragen helfen:
- Wer bin ich? Welche Haltung, welche Werte, welche Lebenserfahrung bringe ich ein? Bin ich eher Erklärerin, eher Praktiker, eher Vermittler, eher Beobachterin?
- Was weiß ich? Welches Fachwissen ist über Jahre entstanden? Was kann ich anderen schlüssig erklären, ohne nachzulesen?
- Was habe ich? Welche Werkzeuge, Räume, Tiere, Maschinen, Kontakte, Bücher, Daten, Sortimente, Saaten, Verträge?
- Was kann ich? Welche Fertigkeiten beherrsche ich — handwerklich, sprachlich, organisatorisch, vermittelnd?
- Wen kenne ich? Wer ist erreichbar, wer wäre bereit, einmal mitzudenken, wer öffnet Türen?
Diese fünf Fragen sind keine Übung, sie sind ein Werkzeug. Ein Hof, der sie ehrlich beantwortet, ist meistens reicher, als er sich selbst zugesteht. Wer vom „ich habe nichts" startet, kommt nicht ins Handeln. Wer vom „ich habe das und das und das" startet, sieht sehr schnell die ersten realistischen Schritte.
> Reflexionsfragen Mittelanalyse: > - Wer bin ich? > - Was weiß ich? > - Was habe ich? > - Was kann ich? > - Wen kenne ich?
2. Leistbarer Verlust — die richtige Risikofrage
Das zweite Prinzip, Affordable Loss, dreht die übliche Risikofrage um 180 Grad. Klassische Planung fragt: Was ist der erwartete Gewinn? Effectuation fragt: Was kann ich mir leisten zu verlieren?
Der Unterschied ist nicht semantisch. Wer den erwarteten Gewinn berechnet, prognostiziert die Zukunft — und liegt fast immer falsch. Wer den leistbaren Verlust definiert, hat eine harte, überprüfbare Grenze, die die eigenen Mittel schützt.
Beispiel: Wer einen Hofkurs anschiebt, kann nicht wissen, wie viele Teilnehmer kommen. Aber er kann wissen: „Ich bin bereit, vier Wochenenden meiner Zeit zu investieren, sechshundert Euro Material zu bezahlen und drei Anzeigen in Fachzeitschriften zu schalten. Wenn das nicht reicht, brechen wir ab und lernen aus dem Versuch." Diese Grenze schützt vor dem stillen, langsamen Hineinrutschen ins Defizit, das in der landwirtschaftlichen Praxis viele gute Ideen aufgefressen hat.
> Reflexionsfragen leistbarer Verlust: > - Was bin ich bereit einzusetzen? > - Welchen Rahmen setze ich mir, um mich auszuprobieren? > - Welchen Verlust kann ich mir leisten? > - Setze ich alles auf eine Karte oder halte ich mehrere Eisen im Feuer?
3. Lemonade — das Unvorhergesehene als Ressource
Das dritte Prinzip trägt im Original den unspektakulären Namen Lemonade — abgeleitet vom englischen Sprichwort if life gives you lemons, make lemonade. Es zielt auf den Umgang mit dem, was nicht geplant war.
Klassische Planung versucht, das Unvorhergesehene zu antizipieren und auszuschließen. Effectuation tut das Gegenteil: Sie betrachtet das Unvorhergesehene als Hebel. Wer auf dem Acker arbeitet, kennt diese Logik. Niemand pflanzt im Vertrauen darauf, dass das Wetter dem Plan folgt. Die Kultur passt sich an, der Bauer reagiert.
Im Unternehmerischen ist es nicht anders. Eine Anfrage, mit der niemand gerechnet hatte. Eine Person, die unerwartet vorbeischaut. Ein Termin, der ausfällt. Eine Förderung, die plötzlich aufgelegt wird. Eine Kundin, die etwas ganz anderes will als angeboten. All das sind Hebel — wenn man bereit ist, sie als solche zu lesen.
Das berühmteste Beispiel aus der Wirtschaftsforschung ist Viagra: ursprünglich als Bluthochdruckmittel entwickelt, gescheitert, durch eine unerwartete Nebenwirkung zum Erfolg geworden. Eine klassische Planungsabteilung hätte das Mittel eingestampft. Ein unternehmerisch denkender Akteur hat den Zufall als neuen Ausgangspunkt genommen.
Auf dem Hof übersetzt: Der ungeplante Anruf einer benachbarten Schule kann der Anlass für ein Bildungsangebot sein, das im eigenen Plan gar nicht vorgesehen war. Der überraschend gute Verkauf eines Nischenprodukts kann das eigentliche Geschäftsmodell verschieben. Wer das Unvorhergesehene als Information liest, kommt schneller voran als der, der an seinem Plan festhält.
> Reflexionsfragen Lemonade: > - Welche neuen Informationen bringen unerwartete Ereignisse mit sich? > - Was könnte ich damit sonst noch anstellen? > - Könnte das eine neue Ressource sein? > - Entstehen neue Ideen, wenn ich das Unvorhergesehene einbeziehe?
4. Crazy Quilt — Partnerschaften mit denen, die sich einlassen
Das vierte Prinzip, im Original Crazy Quilt, beschreibt eine ungewöhnliche Form der Partnerschaft: Statt den perfekten Partner zu suchen, arbeitet man mit denen, die sich tatsächlich einlassen — und gestaltet die gemeinsame Sache mit ihnen.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Klassische Planung sucht den Partner, der ins Konzept passt. Effectuation lässt sich von dem mitprägen, der bereit ist, sich einzubringen. Aus dieser Bereitschaft entsteht die konkrete Gestalt des Vorhabens. Das ist der wesentliche Unterschied zur Auftragslogik (wo der Partner einen Job erfüllt) und zur Vereinsslogik (wo der Partner einen Posten besetzt).
Für biodynamische Höfe ist dieses Prinzip besonders wertvoll, weil das Umfeld klein und gut vernetzt ist. Eine benachbarte Käserei, eine Demeter-Beraterin, eine befreundete Initiative, eine Forschungseinrichtung, eine Schule — jeder dieser Akteure kann eine Sache verändern, wenn er sich einlässt. Die richtige Frage ist nicht „wer wäre theoretisch der beste Partner", sondern „wer ist tatsächlich bereit, jetzt einen Schritt mitzugehen". Folge 5 dieser Serie (Coopetition statt Konkurrenz) vertieft diesen Punkt.
> Reflexionsfragen Partnerschaften: > - Wie bereit bin ich für Partnerschaften auf Augenhöhe? > - Wen könnte ich für meine Idee begeistern? > - Was ist mein, was ist der konkrete Einsatz des Partners? > - Wie offen bin ich dafür, dass gemeinsam etwas Neues entsteht?
5. Pilot in the Plane — die Rezeptbuch-Falle
Das fünfte Prinzip, Pilot-in-the-Plane, ist im Kern eine Haltung: Die Zukunft wird gestaltet, nicht vorhergesagt. Sarasvathy fasst das in einer Metapher zusammen, die im Hofumfeld gut anschlussfähig ist: dem Unterschied zwischen Rezeptbuch und Kühlschrank.
Wer nach Rezept kocht, kauft die Zutaten ein und führt das Rezept aus. Fehlt eine Zutat, ist das Gericht gefährdet. Wer in den Kühlschrank schaut, sieht, was da ist, und kreiert daraus etwas Neues. Klingelt der Nachbar mit Hunger, wird sein Kühlschrank gleich miteinbezogen. Aus der Flexibilität entsteht ein Gericht, das später möglicherweise selbst im Rezeptbuch landet.
Auf den Hof übersetzt: Die meisten Hofvorhaben scheitern nicht an fehlenden Ressourcen, sondern am Versuch, ein Rezept zu kopieren, das in einem anderen Kontext entstanden ist. Was bei einer norddeutschen Direktvermarktung funktioniert, lässt sich nicht in den Voralpenraum kopieren. Was eine Berliner Solawi groß gemacht hat, ist nicht eins zu eins auf eine bayrische Demeter-Initiative übertragbar.
Wer in den eigenen Kühlschrank schaut — auf die eigenen Mittel, das eigene Umfeld, die eigenen Beziehungen — kommt auf Lösungen, die zum Hof passen. Und das sind die Lösungen, die tragen.
Vom Werkzeug zum ersten Schritt
Die fünf Prinzipien zusammen ergeben kein starres Verfahren, sondern eine Haltung. Sie helfen, ins Handeln zu kommen — barfuß, wie es in der Literatur gelegentlich heißt, also ohne den vollständigen Plan, ohne den ausformulierten Businessplan, ohne die fertige Strategie.
Ein einfacher Einstieg sieht so aus:
1. Warum und Wofür kurz klären — eine handgeschriebene halbe Seite reicht. 2. Mittelanalyse durchgehen — fünf Fragen, fünf ehrliche Antworten. 3. Leistbaren Verlust definieren — was kann ich höchstens einsetzen? 4. Ersten kleinen Schritt machen — ein Gespräch, ein Brief, ein Versuch, eine Veranstaltung. 5. Lernen, was zurückkommt — und den nächsten Schritt davon ableiten.
Das ist kein Schnellrezept und keine Garantie. Es ist eine Logik, die in Hunderten von Studien und vielen Domänen erprobt wurde. Sie funktioniert auch in der Landwirtschaft — gerade in der biodynamischen, weil die Haltung, mit dem zu arbeiten, was da ist, dort ohnehin eingeübt ist.
Eine ehrliche Einschränkung
Nicht jeder erste Schritt führt zum Ziel. Effectuation reduziert das Risiko, sie schließt es nicht aus. Wer fünf Versuche macht, wird drei davon abbrechen müssen — und die zwei, die tragen, lassen sich nicht im Voraus erkennen. Das gehört zur Logik.
Wer das aushält, ist im Vorteil. Wer sich davon einschüchtern lässt, bleibt sitzen — und verpasst auch die zwei, die getragen hätten.
Fazit
Effectuation ist die unternehmerische Logik des Anfangens mit dem, was da ist. Fünf Prinzipien — Mittelanalyse, leistbarer Verlust, Unvorhergesehenes als Ressource, Partnerschaften auf Augenhöhe, Kühlschrank statt Rezeptbuch — geben einen handhabbaren Rahmen. Sie sind kein Ersatz für später nötige Strukturen, aber sie ersetzen den vollständigen Plan vor dem ersten Schritt. Das ist für biodynamische Höfe oft der entscheidende Unterschied — weil der vollständige Plan dort ohnehin nie ankommt.
Die nächste Folge zeigt, wie aus dem ersten Schritt ein Geschäftsmodell wird, das man auf einer Seite zusammenfassen kann: das Business Model Canvas.
Weiter in der Serie
- Folge 1: ARTIKEL Sichtbarkeit hat viele Währungen
- Folge 2: ARTIKEL Unternehmertum als Kunstform
- Folge 4: ARTIKEL Business Model Canvas für den Hof — eine Idee auf einer Seite
- Folge 5: ARTIKEL Coopetition statt Konkurrenz — Partnerschaften im Detail
Hub-Seite: ARTIKEL-SERIE Unternehmerisch Wirken (Übersicht)
Zum Mitmachen
Ein begleitendes Arbeitsbuch zu dieser Serie ist in Vorbereitung — als PDF zum Mitschreiben mit Reflexionsfragen, Mittelanalyse-Bogen und einer einseitigen Canvas-Vorlage. Siehe 02 Projekte/Effectuation Workbook.